Mittler zwischen den Völkern PDF Print E-mail
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Ein Stipendienprogramm der Robert Bosch Stiftung führt junge Journalisten aus Mittel- und Osteuropa für drei Monate in die deutsche Hauptstadt.

Von Lucy Setian

Als ich im Dezember vor der in schwarze Anzüge gekleideten Jury in der Berliner Repräsentanz der Robert Bosch Stiftung antrat, waren alle meine zuvor ausgedachten Sätze aus dem Kopf verschwunden. Aber glücklicherweise gehört Improvisationsfähigkeit ja zur Journalistenarbeit dazu.

Seit 2003 werden in jedem Winter rund 50 Journalisten aus Mittel- und Osteuropa zu einem Vorstellungsgespräch in Berlin eingeladen. Mehr als 100 Profis aus Print, TV, Radio und Online bewerben sich für das Stipendium "Medien - Mittler zwischen den Völkern", das einen dreimonatigen Aufenthalt in Deutschland vorsieht. Umgekehrt erhalten vier deutsche Journalisten Stipendien für Hospitationen in mittel- und osteuropäischen Medien.

Die Persönlichkeit zählt

15 Minuten Auswahlgespräch reichten der zehnköpfigen Jury, die aus Spezialisten aus der Stiftung, der Berliner Journalisten Schule und einer Alumni-Stipendiatin bestand. "Leute zu finden, mit denen wir drei Monate gut zusammenarbeiten können, die untereinander gut kooperieren und bei unseren Gesprächspartnern und in den Redaktionen den guten Ruf des Programms aufrecht erhalten und verstärken ist schwierig", sagt Programmleiter Clemens Schöll, einer der Begründer der Medien-Mittleridee. Als größte Herausforderung bezeichnet er die richtige Einschätzung der Persönlichkeit im Rahmen des kurzen Gesprächs.

Gefordert sind mehrjährige journalistische Erfahrung, gute Deutschkenntnisse und natürlich Interesse an einer Weiterentwicklung im Medienbereich. Ich arbeite seit vier Jahren in den Medien und werde mein Studium erst dieses Jahr beenden, während meine Kollegen im diesjährigen Jahrgang sechs bis neun Jahre Berufserfahrung besitzen. Trotzdem gehöre ich zu den Auserwählten - als einzige Stipendiatin aus Bulgarien. Die anderen Teilnehmer kommen aus Estland, Georgien, Lettland, Litauen, Rumänien, der Slowakei, Tschechien, der Ukraine und Ungarn. Im nächsten Jahr werden vielleicht auch armenische Journalisten teilnehmen können.

Warum ist ausgerechnet Berlin der Veranstaltungsort für das Programm? "Berlin wurde bewusst als Brückenstadt zwischen West- und Osteuropa ausgewählt", sagt Programmleiter Schöll. Auch bei Menschen, die sich nicht so sehr für Deutschland interessierten, habe Berlin mit seiner regen Kulturszene einen Status, der eigentlich nur mit London und New York vergleichbar sei.

Unser erster Monat begann mit einem vielfältigen Trainingsprogramm. Bis Ostern hörten wir Vorträge und gingen zu verschiedensten Vor-Ort-Terminen. Die Diskussionen drehten sich immer um Deutschland und sein Verhältnis zu den Staaten, aus denen die Teilnehmer kommen. "Für mich ist es auch wichtig, dass ich Kollegen aus anderen europäischen Staaten kennen gelernt habe", erzählt Anna aus der Ukraine. "Ich habe ein Netzwerk aufgebaut. Wenn ich etwa später Hilfe aus Estland brauche, werde ich mich bei einer Kollegin melden, " ergänzt der Rumäne Matei.

Spannend war es auch, mit Bundesabgeordneten, Medienschaffenden, Schriftstellern, Historikern und Künstlern zu diskutieren und sich über deutsche Politik, Kultur, Wirtschaft, Geschichte und das Verhältnis zu Europa auszutauschen. Vor allem die Besuche bei den lokalen Redaktionen der Hauptstadt waren für alle interessant.

Auch allgemeine Themen wurden erörtert: Gibt es eine Zukunft für Printmedien und wie expandieren die deutschen Medienunternehmen ins Internet? Das diskutierten wir mit Hans-Joachim Fuhrmann, Leiter des Bereichs Kommunikation und Multimedia im Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger.

Noch immer scheinen die Regelungen, die mit der Internetanwendung verbunden sind, nicht so klar. Die Situation in Ost- und Mitteleuropa sieht nicht viel anders aus, kommentierten die Journalisten. "Unser Portal ist eines der wenigen, die Profit machen", sagt Redakteurin Vytene Stasaityte aus der litauischen Hauptstadt Vilnius. "Trotz des Trends einer Massenbenutzung des Internets ist die Bedienung der Online-Medien sehr zeitaufwendig. Aber nicht jeder, der Zeitungen auf Papier regelmäßig liest, wird darauf verzichten", sagte Gunter Hofmann von der Hauptstadtredaktion der "Zeit".

Recherche und Diskussionen

Über die Gestaltung von Programmen erfuhren wir etwas während der Besuche beim ZDF, der taz, Zitty, der Berliner Repräsentanz der Robert Bosch Stiftung und dem Netzwerk für Osteuropaberichterstattung n-ost. Daneben bekamen wir die Aufgabe, in Reportergruppen unterschiedliche Themen zu recherchieren. Während meine Partnerin und ich über die unterschiedlichen Meinungen über das Rauchverbot in Deutschland, Bulgarien und Rumänien recherchierten, beschäftigen sich andere mit den Schwierigkeiten, während der Krise in Berlin einen Job zu finden. Spannend war der Besuch beim Berliner Migrationsbeauftragten: "Berlin kann sich ohne Menschen mit einem Migrationshintergrund nicht weiter entwickeln", so der Beauftragte des Berliner Senats für Integration und Migration, Günter Piening.

Zu den Höhepunkten zählte der Besuch des Bundestages. In Gesprächen mit Abgeordneten verschiedener Parteien konnten wir die unterschiedlichen politischen Denkweisen vergleichen.

Nach den Osterferien begann jeder eine Hospitanz einer Redaktion, ich meine bei der Berliner Morgenpost. Meine Kollegen arbeiten momentan bei ddp, Sat.1, Berliner Morgenpost, RBB, Berliner Zeitung, Financial Times Deutschland, Stern.de und Polyeides. Was sie dort so erleben, wird jede Woche am Stammtisch erörtert. "Ich habe schon in der ersten Woche eine Erfahrung mit verdeckter Kamera gemacht. Drogenverkäufer mussten aufgenommen werden, einer der Redakteure und ich haben ein Liebespaar gespielt, so dass wir unauffällig aussahen", erzählt Sanja aus Slowenien, die ihre Hospitation bei einem lokalen Fernsehsender macht.Über ihre Erlebnisse schreiben die Teilnehmer des Osteuropa-Programms unter: www.medien-mittler.de/blog/

Die Welt

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